Vorbild und Abbild
Renaissance und die Kunst der Antike
Wiederentdeckung der Antike
Die Renaissance, Rinascimento, Wiedergeburt
Mit der Wiederentdeckung der Antike erwacht auch das Bedürfnis, den zersplitterten mittelalterlichen Staatswesen wieder die vergangene Größe des römischen Imperiums zu verleihen. Anläufe dazu gab es schon seit Karl dem Großen oder den Kaisern des Heiligen Römischen Reiches. Zum wirklichen Programm wurde es erst in der Neuzeit in der Renaissance, der Wiedergeburt der Antike. Im ausgehenden Mittelalter und dem goldenen Zeitalter der Renaissance erwacht plötzlich das Interesse an klassischen Bauformen und der plastischen Kunst der Antike. Säulen, Tempel und Paläste werden nach antiken Vorbildern erbaut, deren Formen die Renaissance kopiert: dorische, ionische und korinthische Säulen statt den bisherigen gotischen Blattkapitellen oder den formlos ins Gewölbe auslaufenden Diensten der gotischen Architektur, die plötzlich als fremd, barbarisch empfunden wird.
Den Formenreichtum finden die Künstler in Zeichnungen vom Forum Romanum und anderen römischen Überresten. Der Triumphbogen wird in Portalen und Fassaden kopiert, Säulenpaare und Tore, Attika und Medaillons schmücken die neuen Gebäude, Überreste der zerbrochenen Skulpturen römischer und griechischer Kunst werden von geistlichen oder weltlichen Herrschern gesammelt (vgl. die Antikensammlung des Vatikanischen Museums). Besonders die Auffindung der Laokoon-Gruppe 1506 in Rom erregte Aufsehen und beflügelte die künstlerische Gestaltungskraft. Die muskulöse Schönheit der nackten Körper in ihrer eleganten Bewegung wird für Jahrhunderte zum Vorbild. Die Nacktheit der Götterhelden wird nun zum Ausdruck des Menschen nicht der fromme Faltenwurf tugendhafter Glaubensgestalten wie an den gotischen Kathedralen des Mittelalters.
Der Mensch im Mittelpunkt des Betrachters wird zum Studienobjekt und findet in den Figuren Michelangelos seinen Höhepunkt, wie er an den vollendeten und unvollendeten Körperfiguren in der Akademia in Florenz bewundert werden kann - allen voran sein Meisterwerk, der überlensgroßen Marmorfigur des David.